Sprengung der Versöhnungskirche vor 25 Jahren

Die Versöhnungsgemeinde mit Pfarrer Manfred Fischer erinnert mit symbolischen Handlungen an die Sprengung ihrer Kirche vor 25. Jahren auf Befehl der DDR-Staatsmacht.

Ort: Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 4, 13355 Berlin
Datum: 22. Januar 2010, 10.00 Uhr


Die Handlung

Wie kann eine Gemeinde an einen barbarischen Akt, die Sprengung ihrer Kirche durch deutsche Kommunisten, erinnern, die zudem angetreten waren, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen?
Dieses neue deutsche Gesicht wollte aber mit ungetrübtem Blick den Streifen kontrollieren, den sie durch Gross-Berlin gezogen hatten und der im Westen als Todeszone bezeichnet wurde. Hier starben seit dem 13. August 1961 Kinder und Erwachsene im Kugelhagel bewaffneter sowjetzonaler Schergen, und noch heute behaupten ehemalige Kader des SED-Regimes (z. B. Egon Krenz), dass ihre Grenzpolizisten und -soldaten ohne Schießbefehl gemordet haben.
In dieser Zone des Todes stand die Versöhnungskirche, und obwohl es ihrem Namen immanent ist, wollte kein Sozialist dem anders Denkenden und dem anders Glaubenden die Versöhnung anbieten. ...
Die Deutschen im Westen waren ⇒

Kirchen als Dorn im Auge der SED

In einem ersten Überblick kann davon ausgegangen werden, dass in Berlin folgende Kirchen abgetragen oder gesprengt worden:
1950 ⇒ St. Georgenkirche (Alexander Platz),
1961 ⇒ Petrikirche (Fischerinsel)
1964 ⇒ Luisenstadtkirche (),
1967 ⇒ Gnadenkirche (Grenzübergang Invalidenstraße),
1980 ⇒ Versöhnungskirche (Grenzübergang Bornholmer Straße),
1985 ⇒ Versöhnungskirche (Bernauer Straße),
1988 ⇒ St. Franziskuskirche (Finkenkruger Weg),

In der DDR mussten folgende Kirchen dem Staatsdruck weichen:
1958 ⇒ ...
1960 ⇒ St. Jacobikirche (Rostock),
1963 ⇒ Sophienkirche (Dresden),
1968 ⇒ Universitätskirche (Leipzig),
1968 ⇒ Garnisonskirche (Potsdam)

... in der Betrachtung der Arbeiter und Bauern östlich der Demarkationslinie alle gleich:
Ob BND-Mitarbeiter oder Hebamme, ob Geheimpolizist oder Kriegsveteran, ob Junglehrer oder Bundesgrenzschutzbeamter, ob ex-konservativer Katholik oder überzeugter Atheist, für die SED-Propagandisten waren sie alle: Kriegstreiber, Revanchisten, Ungeziefer!
Was macht ein deutscher Mann, ein deutscher Sozialist, ein deutscher antimilitaristischer Soldat mit Ungeziefer? Er zertritt es!!
So war die Sprengung der Versöhnungskirche am 22. und 28. Januar 1985 ein Fanal der Stärke der SED-Machthaber - und zusammen mit dem Turmkreuz stürzte Metatron aus dem blauen wolkenlosen Himmel in die Abyss, um auf dem Kirchhof der Elisabethgemeinde zu zerschellen.
25 Jahre später zeichnet die Gemeinde mit drei Lichtsäulen und mehreren Schwedenfeuern den damaligen Umriss ihrer Kirche nach.
Im Zentrum des Kirchturms lag das Kreuz und eine 116 Jahre alte Kirchbank - geborgen aus dem Partykeller eines damals bei der Sprengung beteiligten - wurde begleitet vom Läuten der Originalglocken in die Kapelle der Versöhnung getragen.
Am 22.01.2010 gab Pfarrer Manfred Fischer kurz nach 10.00 Uhr das Signal: »Achtung: Sprengung!« Das Signalhorn warnte: »Ein mal lang, drei mal kurz!!!«. Kurz darauf erfolgte ein ohrenbetäubender Knall. Schließlich ertönte das Signal: »Entwarnung. Drei mal lang!!!«
34 Jahre lang haben die Glocken und die Orgel geschwiegen, bis zu dem Tag, an dem das SED-Regime von den Arbeitern und Bauern des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden auf dem Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde.
Im Anschluss daran sprach Pfarrer Manfred Fischer zu seiner Gemeinde und den Gästen.

Ralf Gründer von der www.Berliner-Mauer.de war vor Ort und hat die Veranstaltung mitgeschnitten.

Holger Kulick

Audiorecording und Slideshow - Copyright: Ralf Gründer, 2010
Gemeinderatsmitglied der Sophiengemeinde Berlin, Holger Kulick, spricht in der Kapelle der Versöhnung.

Versöhnung

Trompete von Jericho und Graffiti »DIE MAUER MUSS FALLEN«, Versöhnungskirche und »Berliner Mauer« der ‚ersten Generation’.

Versöhnungskirche

Trompete von Jericho und anonymisiertes Graffiti »DIE MAUER MUSS FALLEN«. Grenzmauer 75

Grenzmauer 75 und Graffiti »JOSUA 6« und »SCHÄTZE Man sieht sich«, datiert: 28.09.194. Versöhnungskirche und »Berliner Mauer« der ‚dritten Generation’. Quelle: Sammlung Versöhnungsgemeinde, Berlin.